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Apotheken Automation

category

Medizin- und Labortechnik

author

Sebastian Funk

Anlass

Für den Neubau einer Privatklinik sollen die aktuellen Möglichkeiten für die Etablierung und Nutzung automatisierter Medikamentenversorgungssysteme untersucht werden.

Ausgangslage

Die Klinik beinhaltet folgende Nutzungen:

  • Röntgendiagnostik, Endoskopie, Funktionsdiagnostik
  • Poliklinik und Kinderpoliklinik
  • Stationen mit insgesamt 100 Betten
  • OP-Block mit 4 OPs
  • Intensivstation mit 6 Plätzen

Die Konventionelle Apotheke

Die automatischen Medikamentenversorgunssysteme sind Ergänzungen zu der konventionell organsierten Krankenhausapotheke (Standard Apotheke) ohne sie zu ersetzen. Die Standardapotheke besteht aus folgenden Elementen:

1. Anlieferung

  • An- und Abfahrflächen für Versorgungsfahrzeuge, Laderampe, Warenannahme
  • Zwischenlager (Palettenlager, Kühllager, Materiallager, Medikamentenlager, Gefahrstofflager, Sonderlager, Lager für Umverpackungen und Abfälle)
    Aufenthaltsraum externes Personal, Kraftfahrer

2. Zentrallager

  • Wareneingangslager (Auspacken/ Registrieren/ Zwischenlagern)
  • Automatische Arzneimittel- Kommissionierung (Baustein 2)
  • Aufbewahren Glas/ Tara, Aufbewahren Gummierzeugnisse
  • Personalaufenthalt n Büro Leiter Apotheke
  • Büros Leitende Mitarbeiter Apotheke, Assistenzraum, Besprechungsraum, Garderobe Personal
  • Defektur
  • Lager brennbare Flüssigkeiten n Lager Gefahrstoffe, Lager Desinfektionsmittel n Kühllager
  • Sanitärräume, Putzmittelräume

3. Labor

  • Labor physikalisch, Labor chemisch, Analytik
  • Destillationsraum
  • Spülküche, Sterilisation
  • Lager Infusionslösungen

4. Offizin (Ausgabe)

  • Ausgabe
  • Lager Ausgabe
  • Rohrpoststation
  • Apotheken-Notdienst-System: Medikamenten-Abholfächer (Codiersystem), Notdienstanlager (Wech-selschilder- System), Informationssystemen
  • Raumprogramm für eigene Herstellung Zytostatika/ Infusionslösungen: siehe GMP

5. GMP

GMP bedeutet „Good Manufacturing Practice” und beschreibt einen Qualitätsstandard zur Herstellung von besonderen Arzneimitteln wie Zytostatika und Infusionslösungen. Je nach Anforderung unterscheidet man die Reinraumklassen A bis D. Mit einem eigenen GMP-Bereich ist die stete und qualitativ gleichbleibende Versorgung gewährleistet. Dem gegenüber stehen ein hoher technischer Aufwand sowie der Bedarf nach qualifiziertem Personal. Vorschlag Raumprogramm (ca. 180 m2 Nutzfläche):

Vorschlag Raumprogramm (ca. 180 m2 Nutzfläche):

  • Umkleide-Schleusen
  • Produkt- Eingangsschleuse (LAF- Materialschleusen)
  • Personal- Schleusen D/C und C/B n Flüssigkeitssterilisation (Hochdruck- Dampf- Sterilisation)
  • Abfüllen (A in C)
  • B- Labor
  • C- Labor
  • Produkt- Ausgabeschleusen (LAF- Materialschleusen)
  • Spülküche
  • Reinstwasser-Aufbereitungsanlage WFI (aqua ad iniectabilia)

Die automatisierte Apotheke

Als Ergänzung zur konventionellen Standard-Krankenhaus-Apotheke bieten sich drei Automatisierungsbausteine an:

  • Baustein 1: Vollautomatische Kommissionierung (Automatisches Lager und Patienten bezogene Aus-gabe)
  • Baustein 2: Unit Dose (Automatische Patientenmedikation)
  • Baustein 3: Pyxis (Automatische Betäubungsmittelausgabe)
Baustein 1: Vollautomatische Kommissionierung

Hierbei handelt es sich um ein automatisiertes Arzneimittellager für einen Teil der im Krankenhaus benö-tigten Mittel, die häufig oder in größeren Mengen benötigt werden. Ca. 70.000 Artikel werden bei +22° C klimatisiert gelagert. Das System besteht aus Greifern, Einlagerungsförderbändern, Sensoren, Kameras, und Scannern und aus einer EDV gestützten Steuerung. Die Arzneimittelanforderungen der Stationen und Einrichtungen gehen auf elektronischem Wege bei der Apotheke ein. Nach der Kontrolle durch die Mitarbeiter der Apotheke wird die Bestellung an das Roboter-system weitergeleitet. Der Computer berechnet die Anzahl der Transportboxen. Durch eindeutige Barcodierung ist eine lückenlose Nachverfolgung möglich. Das beinhaltet auch die Kommissionierung von chargenpflichtigen Arzneimitteln wie Blutgerinnungsfaktoren, Immunglobuline und Blutprodukten. Nicht verarbeitet werden kühllagernde Arzneimittel und Betäubungsmittel.

Die Vorteile des Systems sind:

  • Zeitsparende automatische Einlagerung der georderten Arzneimittel
  • Extrem niedrige Fehlerquote von unter 0,1 %
  • Hohes Fassungsvermögen
  • Rasche und fehlerfreie Auslagerung
  • Automatische Verfallskontrolle
  • Die Möglichkeit, bei Bedarf ausgewählte Arzneimittel-Chargen per Mausklick auszulagern
  • Mögliche Auslagerung der Risikoarzneimittel
  • Automatische Kontrolle und Selektion vom Verfallsdatum und rechtzeitiges Ordern von Notfallarzneimitteln

Beispiel

Hersteller Becton Dickson, Rowa Care Fusion

Typ: Rowa Vmax 320

  • Doppelt als redundantes (ausfallsicheres) System
  • Bis zu 15 m lang, 4 m breit
  • Unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV)
  • Spiegelrechner, Remote-Überwachung
  • Barcode-Erkennung
  • Label-Etikettierung
  • Backup-System mittels zweitem Greifer
  • Förderbänder, servogesteuerter Liftmechanismus, Wendelrutsche, Rohrpostanbindung möglich

Erfahrungswerte: Universitätsklinikum Mainz (D), seit 2015 mit 60 Kliniken, 1.500 Betten, 65.000 Patienten pro Jahr, täglich 4.000 Packungen Medikamente, davon ca. 80% (3.200/ Tag) aus den 2x ROWA Vmax 320- Kommissionierern.

Rowa Vmax® 320

Rowa Vmax® 320

Baustein 2: Unit Dose – Automatische Patientenmedikation

Das Unit dose System zur automatisierten Arzneimittelversorgung der Patienten wird vorwiegend auf den Bettenstationen etabliert. Die Versorgung der Patienten mit einzeln abgepackten Medikamenten (Unit dose Versorgung) ist als eine Gesamtlösung aus elektronischer Verschreibung mit Dosier- und Interaktionsprüfung, automatischer patientenbezogener Kommissionierung von Einzeldosen und IT- Barcode- gestützter Verabreichungsdokumentation zu betrachten. Dazu gehört die entsprechende Ablauforganisation (BO). Die Belieferung aus der Apotheke erfolgt in der Regel:

  • 1x täglich in die Normal- Pflegestationen
  • 2x täglich in die Intensivmedizinischen Bereiche (ICU)

Dazu gehören:

  • Elektronisches Verschreibungs- und Dokumentationsprogramm. Integration in die elektronische Patientenakte
  • Automatisierte Sichtverpackung (Arzneimittel-Verblisterung)

Die Arbeitsschritte:

  1. Scannen und Zuordnen von Medikamentenpackungen /-flaschen und Kanistern / Trays
  2. Medikamente werden in die zugeordneten Dispensing-Einheiten entblistert bzw. eingefüllt
  3. Einbringen in die Produktion
  4. Sammeln der Medikamente durch umlaufende Fallrohre und Sammeltrichter
  5. Verpacken der Medikamente in Blisterbeuteln
Baustein 3: Pyxis – Automatische Betäubungsmittelausgabe

Pyxis ist ein Medikationsmanagementsystem zur automatisierten Ausgabe von Betäubungsmittel für die Anästhesiologie im OP- und im Intensivpflege-Bereich. Es dient der korrekten Medikation sowie Versorgung und Aufklärung für die Patientenpflege, ohne Verzögerung von der Apotheke zum richtigen Patienten.

Beispiel:

Hersteller BD Becton Dickson, Rowa Care Fusion

Typ: Pyxis Med Station ES System, volle Integration in das KIS

Pyxis MedStation™ system

Pyxis MedStation™ system

Das gesamte System

Das gesamte System bestehend aus der konventionellen Krankenhausapotheke und den drei Automatisierungsbausteinen:

Zusammenfassung

Die vorgestellten Komponenten der automatischen Medikamentenversorgunssysteme dienen nicht nur der Wirtschaftlichkeit sondern auch der Qualitätssicherung. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir für die geplante Klinik die Ausrüstung mit den Bausteinen:

  • Baustein 2: Unit Dose
  • Baustein 3: Pyxis

Ob die Ausrüstung mit dem Baustein 1 „Vollautomatische Kommissionierung“ (Automatisches Lager) sinnvoll ist, ist genauer zu untersuchen. Hierfür sind folgende Aspekte zu analysieren:

  • Platzbedarf: Steht der erforderliche Raum tatsächlich zur Verfügung?
  • Personalkosten: Können tatsächlich so viele Personalkosten eingespart werden, dass sich die Investition rechtfertigt
  • Qualitätssicherung: Kann die Qualitätssicherung wirtschaftlich auch mit konventionellen Mitteln erfolgen?

Alle drei Bausteine werden heute von der Firma Becton Dickson, Rowa Care Fusion angeboten. Damit ist ein reibungsloses Zusammenspiel der Komponenten gewährleistet.

Abschließend sei darauf verwiesen dass zur Medikamentenversorgung auch ein GMP-Bereich gehören kann, obwohl er nicht zum Thema „Automatische Apotheke“ zählt. Die Vorteile sind:

  • Stete und qualitativ gleich bleibende Versorgung mit Infusionslösungen und Zytostatika
  • Medikamente auf den Patienten bezogen herzustellen.
  • Die Möglichkeit eigene Produkte zu verkaufen.

Allerdings ist dies mit einem bedeutenden Aufwand verbunden. Letztendlich stellt sich die Frage, ob diese Produkte gekauft oder selbst hergestellt werden sollen.

Jena im Februar 2017

Bildrechte

Die Bilder „Pyxis MedStation™ system“ und „Rowa Vmax® 320“ sind Eigentum der Fa. BD Becton Dickinson GmbH und wurden nicht auf dem eigenen Server gespeichert, sondern als externe Links eingebettet.